Als IBM Anfang der 1980er-Jahre den PC 5150 auf den Markt bringen wollte, brauchte der Konzern ein Betriebssystem für Mikrocomputer. Der erste Weg führte zu Gary Kildall, dem Chef von Digital Research, der mit CP/M damals fest im Markt integriert war. Der Legende nach war Kildall aber lieber fliegen, anstatt beim entscheidenden Meeting zu sitzen und ließ seine Frau Dorothy mit IBM verhandeln.

Würtend sind die IBM Bosse daraufhin  zu Bill Gates gegangen, der ihnen ein Betriebssystem verkaufte, das Microsoft zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht hatte und erst später über Seattle Computer Products einkaufte. Gates sah eine Chance, ergriff sie und baute daraus einen monopolartigen Konzern auf, der enormen Einfluss auf den heutigen Computermarkt hatte.

Aber wie würde eine Welt heute aussehen, wenn Kildall damals beim Meeting gewesen wäre und nicht Bill Gates den Deal gemacht hätte? Ein kleines Gedankenspiel zeigt interessante Entwicklungen.

Da IBM zu dieser Zeit den Computermarkt stark prägte, wäre wahrscheinlich auch die heutige Computerwelt deutlich Unix-lastiger oder zumindest stärker von offenen und konkurrierenden Systemen geprägt. Wahrscheinlich wäre Digital Research zunächst das Microsoft der 80er-Jahre geworden und mit einem CP/M-86- oder DR-DOS-artigen System erfolgreich gewesen. Da Kildall aber vermutlich nicht so aggressiv wie Gates verhandelt und lizenziert hätte, wäre die Welt wohl etwas offener geblieben. Es hätte also wahrscheinlich nicht den einen großen Marktführer gegeben, sondern mehrere starke Mitbewerber.

Ohne MS-DOS kein späteres Windows 95 in der uns bekannten Form. Aber es gab schon damals genug Mitbewerber für grafische Betriebssysteme, sodass sich IBM OS/2, GEM oder andere Systeme hätten durchsetzen können. Auch der Apple Macintosh wäre länger ein wichtiger Mitspieler geblieben. Vielleicht wäre Apple weiterhin aktiv im Bürocomputer-Segment gewesen, kein Marktführer, aber stabil.

Demzufolge wäre Apple vielleicht auch nie in der Form in die Krise geraten, die 1997 unter anderem durch den Microsoft-Deal abgefedert wurde. Mit dem Erfolg von Microsoft stand Apple Ende der 90er stark unter Druck. Der zuvor aus der Firma geworfene Steve Jobs hatte in der Zwischenzeit NeXT Computers gegründet, die dann Ende 1996 von Apple aufgekauft wurde. Der große Deal zwischen Microsoft und Apple im Jahr 1997 leitete dann den weiteren Computermarkt ab der Jahrtausendwende mit ein.

Aber wenn Microsoft nicht so stark gewesen wäre, hätte es auch diesen Deal nicht gegeben. Vielleicht hätte Apple ohne das MS Monopol auch nie vor der Insolvenz gestanden und wäre nie auf die Idee gekommen, NeXT zu kaufen, so dass Jobs’ Firma weiterhin eigenständig am Markt geblieben wäre. Möglicherweise hätte er sich damit auf den Kreativmarkt gestürzt und im Bereich Bildung gepunktet.

Selbst wenn Apple dann irgendwann aus Mangel an Strategie und Visionen in eine Krise gerutscht wäre, bliebe es denkbar, dass IBM, Sun, Oracle oder ein anderer Mitbewerber die Firma übernommen hätte. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Apple die Größe von heute erreicht hätte, geht gegen null. Wir hätten also nicht nur eine Welt ohne dominierendes Microsoft, sondern wahrscheinlich auch eine Welt ohne iPhones und MacBooks in der heutigen Form.

Ohne die kulturelle Revolution der Smartphones, wie sie von Steve Jobs eingeleitet wurde, wäre unsere Mobilfunkwelt heute eher stärker von Nokia, BlackBerry, Google und vielleicht auch IBM geprägt. Smartphones hätte es natürlich trotzdem gegeben, aber sie hätten sich vermutlich anders entwickelt. Vielleicht technischer, offener und weniger stark durch ein einziges Bedienkonzept geprägt.

Auch gesellschaftlich hätte sich einiges geändert. Ohne Microsoft kein Auftrieb für DirectX und damit auch kein PC-Gaming in der uns vertrauten Dominanz. Generell hätten Softwareanbieter das Problem gehabt, ihre Produkte für mehrere Plattformen schreiben zu müssen. Das hätte die Entwicklung mancher Programme ausgebremst. Der Siegeszug von Microsoft war also nicht nur schlecht, sondern  für die Softwareentwicklung wichtig, weil Entwickler mit Windows-kompatiblen Programmen einen Massenmarkt erreichten.

Dafür hätte das Internet vielleicht schon viel früher Relevanz bekommen. Microsoft wurde durch den Browser-Krieg zeitweise selbst zu einer Bremse, und erst durch den Druck der Kartellbehörden konnte sich der Onlinebereich freier entfalten. Netscape, Java, Webstandards und später Linux hätten wahrscheinlich früher mehr Gewicht bekommen. Der PC wäre nicht so stark an den Gedanken gebunden, dass man Windows braucht, um Software und Internet zu haben. Stattdessen hätte sich vielleicht früher ein Unix-artiger Gedanke durchgesetzt: Du brauchst einen Browser, ein Netz und gemeinsame Standards. Cloud-Computing wäre dadurch vielleicht schon 20 Jahre früher deutlich wichtiger geworden.

Nicht zu vergessen sind auch andere Größen der 80er-Jahre, die durch den Siegeszug von Microsoft und der IBM-kompatiblen PCs untergegangen sind. Man erinnere sich an Commodore und Atari, die in ihrer Zeit extrem stark waren. Ein großer Gewinner hätte der Amiga sein können – mit Grafik, Sound, Multitasking und einer Spielewelt, die den Spielkonsolenherstellern Konkurrenz machte. Wäre es vielleicht zu einer neuen Form des PC- und Spielecomputers gekommen, klar abgegrenzt von den klassischen Bürocomputern? Denkbar wäre auch, dass Commodore den Multimedia- und später vielleicht sogar den Streamingmarkt frühzeitig geprägt hätte.

Auf jeden Fall hätten Commodore und Atari in dieser alternativen Welt deutlich bessere Chancen gehabt, länger am Markt zu bleiben. Besonders Commodore hätte mit einer Neuordnung seines Managements viel erreichen können. Atari wäre vielleicht ähnlich wie Apple stärker in der Kreativ- und Bildungsschiene gelandet. Der Atari ST war schon damals im Bereich Musikproduktion sehr stark und für viele Musiker fast revolutionär.

In der realen Welt wird bis heute sehr viel von Microsoft getrieben. Schulen, Betriebe, Notebooks und Desktop-PCs werden in den meisten Fällen mit Windows-Betriebssystemen ausgestattet, weil dafür einfach die meiste Software, das größte technische Wissen und die breiteste Unterstützung vorhanden sind. Apple ist mittlerweile ebenfalls stark, vor allem im Premium- und Kreativbereich. Diese Chance hätten in der alternativen Welt vielleicht Commodore und Atari gehabt, wenn sie durch besseres Management und einen offeneren Markt länger überlebt hätten.

In einer alternativen Welt ohne den Microsoft-Giganten wäre Microsoft zwar vermutlich weiterhin ein wichtiger Bestandteil der Branche gewesen, aber nicht der wichtigste. Microsoft hätte vielleicht Software im Business-Bereich vermarktet, Programmiersprachen, Bürosoftware oder Unternehmenslösungen. MS Office wäre mangels Windows-Abhängigkeit aber nicht automatisch führend geworden. Vielleicht wären dann Lotus, WordPerfect, StarOffice, OpenOffice oder LibreOffice die bekannteren Anbieter geworden.

Desktop-PCs würden sich stärker auf Digital-Research-, IBM-, Unix- oder Linux-Systeme aufteilen. Im Serverbereich, den Linux heute bereits stark prägt, wäre dieser Einfluss vermutlich noch größer geworden.

Der Markt wäre wahrscheinlich stärker aufgeteilt gewesen. Bürocomputer wären vor allem bei IBM, Digital Research und Unix angesiedelt gewesen. Gaming, Multimedia und Home-PCs hätten eher zu Commodore gepasst. Kreativarbeit und Bildung wären stärker von Atari, Apple oder NeXT geprägt worden. Server und Entwicklung wären noch deutlicher bei Linux und Unix gelandet.

Unsere heutige Computerwelt wäre damit nicht einfach nur eine Welt ohne Microsoft. Sie wäre eine Welt ohne einen alles dominierenden PC-Standard. Wahrscheinlich wäre sie vielfältiger, offener und technischer geworden. Gleichzeitig aber auch komplizierter, weniger einheitlich und vielleicht langsamer massentauglich.

Der verpasste Deal von Digital Research war damit mehr als nur eine verpasste Geschäftschance. Er war einer dieser Momente, an denen sich die gesamte digitale Kultur hätte anders entwickeln können.

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